Spiegelkabinett

Schnell renne ich den Gang hinunter, reiße die Tür zu den Toiletten auf, sprinte an den Pissoirs vorbei und stürze in eine der Kabinen. Schnell stellt sich Erleichterung ein. Plötzlich höre ich, wie jemand anderes die sanitären Anlagen betritt. Die Schritte klingen auf dem weißen Kachelboden wie Hammerschläge, die immer lauter werden, weil sie immer näher kommen. Nun das Geräusch von fließendem Wasser und ein leichtes Husten. Der Mann atmet schwer. Mir kommt die ganze Szenerie seltsam vor und ich will diesem Fremden nicht begegnen. Warum weiß ich nicht, es ist so ein Gefühl.

 

„Ich verstehe das nicht!“, die Ruhe wird von einem Schrei des Mannes zerrissen und ich zucke zusammen. Der Unbekannte fängt ein Gespräch an. Mit wem? Sich selbst, wie mir einige Sekunden später klar wird. Ich beschließe mich ruhig zu verhalten. „Bloß keinen Ärger machen“, denke ich mir und ziehe meine Hose so langsam wie möglich hoch. Mir gelingt es meinen Gürtel lautlos zu schließen. Aus dem Fremden vor den Waschbecken kommt nunmehr nur ein Wispern, sodass kaum etwas zu vernehmen ist. Deshalb mache ich ein paar vorsichtige Schritte, um näher an der Tür horchen zu können:

 

„Ich befinde mich auf Irrwegen, immer wieder eine Sackgasse. Viele davon sind keines natürlichen Ursprungs, ich habe sie selbst errichtet, mich damit selbst am Fortkommen behindert und ich tue es weiterhin. Was soll ich tun? Wie soll man sich aus einem Labyrinth namens „Leben“ retten, wenn man zwar glaubt, eine Karte zu haben, aber immer wieder selbst die Wege abschneidet? Wo soll der Ausgang sein? Man muss sich selbst kennenlernen, den Maulwurf in einem, der sich einfach unter dem Hindernis hindurch gräbt oder den Hürdenspringer, der sich mit Leichtigkeit darüber hinwegschwingt. Man muss sein eigener Eichmeister sein, darf die Gewichte nicht fälschen, sondern muss immer das Gleichgewicht bewahren. Ich schaffe es nicht, zu viele Eigenschaften meiner selbst streben gegeneinander: das Streben nach Freiheit gegen das Verlangen nach Nähe, die beruhigende Gelassenheit gegen die schüchterne Hysterie, ich selbst gegen dich und die anderen gegen ihre Brüder.“

 

Offenbar führt der Fremde ein Gespräch mit sich selbst. Er scheint sich im Spiegel zu betrachten oder er muss die Augen geschlossen haben. Auf jeden Fall höre ich keine Schritte, während seine Gedanken Kilometer weit fliegen, bleibt sein Körper starr. Ich nähere mich noch etwas der Tür und lege mein Ohr an selbige:

 

„Ich ging an Stränden spazieren, den Rum in der Hand, meinen ständigen Begleiter nach dem Unfall. Sinnierend dachte ich über die Gesellschaft nach, über die Werke und Ideen großer Geister und über den Irrgarten in mir. Immer wenn ich dachte, dass ich mich kennen würde, dass ich jeden Winkel des Labyrinths kenne, komme ich mir vor wie ein Neugeborener, fremd und neu auf dieser Welt. Früher, da war alles einfach, da war ich naiv, einfältig, ein Lebemann. Heute fühle ich mich wie ein außerhalb der Gesellschaft stehender, weil ich es so will, ein sich selbst Sorgen machender, weil ich es so will, ein Versperrer des Auswegs aus diesem Labyrinth, weil ich es so will. Doch das mache ich nicht mehr mit. Ich lasse es nicht mehr zu, dass immer wieder Fremde in mir auftauchen, ich will sie doch gar nicht kennenlernen, nein, lasst mich doch in Ruhe…!“

 

Mir wird es langsam unheimlich und ich ziehe mich etwas von der Tür zurück. Dieser Kerl ist mir unheimlich. Hoffentlich geht dieser Verrückte bald weg, denn von solchen Leuten halte ich mich fern. Durch ein poltern werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der Mann schluchzt zunehmend und schlägt mit seinen Händen auf das Waschbecken. Er schreit, dass jemand weggehen solle und ein Schauer läuft mir über den Rücken. Er muss wirklich wahnsinnig sein. Hoffentlich meint er nicht mich… Im nächsten Moment geht ein gellender Schrei durch den ganzen Raum und ich höre gesplitterte Teile des Spiegels zu Boden fallen. Es vermischt sich mit schmerzerfüllten Schreien des Fremden. Adrenalin flutet meinen Körper und ich entschließe mich zu handeln, ich will nicht für die Verletzungen des Mannes verantwortlich gemacht werden. Deshalb nehme ich meinen Mut zusammen, schiebe den Riegel zu Seite, reiße die Tür auf und renne zu den gegenüberliegenden Waschbecken. Ich schaue in den vielfach gesplitterten Spiegel und aus jedem Stück schaut mir ein anderes Ich entgegen. Meine Blicke gleiten hinunter zu meinen Fäusten, welche blutüberströmt sind. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, greifen mich von hinten starke Arme. „Na hier steckst du also!“ und „Zurück in seine Zelle!“ höre ich Stimmen um mich herum sagen. Meine Befreiungsversuche schlagen fehl. Ich werde auf den langen, leeren Flur gezerrt. Die penible Sterilität vermischt mit den weißen Leuchten blendet mich. „Nein, ich verstehe das nicht!“, schreie ich, doch es scheint jemand anderes zu rufen. Eine Tür wird geöffnet. Ich werde hineingeworfen. „Lasst mich nicht mit dem Fremden allein“, flehe ich. Die schwere Tür schließt sich langsam, der Lichtspalt wird immer dünner. „Lasst mich nicht allein…“, hauche ich noch einmal. Dunkelheit.

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Kommentare: 1
  • #1

    Maggi (Montag, 04 Oktober 2010 20:49)

    Hört sich nach dem nächsten 90 Sec Favoriten bei VD an... ;-)